Achtung, Bibergeil! Ekel-Dinge im Alltag

4. L-Cystein

Unser täglich Haar und Horn gib uns heute, müsste der Satz eigentlich lauten. Zumindest, was industriell gefertigte Backwaren anbelangt. Denn in Gebäck, genauer: im Mehl versteckt sich die Zutat L-Cystein, oft auch nur als Cystein oder als E 920 deklariert. Mehl wird mit dem Stoff behandelt, um es schneller reifen zu lassen, Backvorgänge zu beschleunigen. Der Teig wird durch E 920 elastischer, besser knetbar und behält auch länger sein Volumen und seine angenehme Konsistenz. Weiterer Einsatzrahmen: Aromen, denn Cystein ist ein Geschmacksverstärker und verleiht herzhaften Nahrungsmitteln, insbesondere vegetarischen Fleischersatz-Produkten, eine tiefe geschmackliche Nuance. Soweit, so lecker. Weniger ansprechend ist allerdings die häufige Abkunft des Stoffs: Denn L-Cystein ist eine Aminosäure, die auch im menschlichen Körper bzw. in der Leber gebildet wird. Sie ist proteinogen, dient also als Baustein für Proteine. Und das, abseits vom menschlichen Körper, vor allem auch für pflanzliche Proteine – und in Keratin, also dem wichtigsten Eiweiß von Horn und Haaren, Federn und Sehnen.

Sprich: Um die Aminosäure L-Cystein zu gewinnen, braucht es keratinreiche Gewebe, z.B. Schlachtabfälle wie Hufe, Tier- und Menschenhaare oder auch Federn. Zwar ist heute die Herstellung auch durch gentechnisch veränderte Colibakterien möglich – doch das ist keineswegs immer der Fall. Und kein Pflanzenesser freut sich wohl, wenn die gemahlenen Hufe eines geschlachteten Kalbes dem Frühstücksbrötchen beigemengt werden, um dessen Teigelastizität zu gewährleisten… Und ebenso ist die Vorstellung, dass menschliches Haar der Abendstulle zugeführt wurde, wenig appetitanregend.

Seriöse Hersteller veganer Produkte verzichten deswegen auf E 920 als Zusatz oder verwenden nur solches, das aus Colibakterien gewonnen wurde. Wenn die Zutatenliste keinen Aufschluss gibt, hilft jedoch nur direktes Nachfragen beim Hersteller. Übrigens: Auch Arzneimittel und Kosmetika beinhalten oft L-Cystein. Und insbesondere in Shampoos findet sich oft das Protein Keratin. Unsere eigenen Haare bestehen zu etwa 90 Prozent aus diesem Faser-Eiweiß. Shampoo-Hersteller werben damit, das Keratin im Shampoo stärke unser Haar bei der Wäsche von außen. Doch wird dieses Protein ebenso aus zermahlenen Hufen, Hörnern, Federkielen und Haaren gewonnen. Und Keratin im Shampoo und Conditioner muss auch nicht sein: Alternativen, die mindestens ebenso gut unsere Kopfpracht pflegen, jedoch ohne totes Tier hergestellt werden, sind z.B. Mandelöl und Sojaprotein.