Der perfekte Körper – ein Frauenproblem?

Unser Autor kennt viele schöne Frauen, die seltsamerweise allesamt eins vereint:
Sie halten sich für nicht attraktiv genug. Was ist da los? Ein Erklärungsversuch – und eine Solidaritätsbekundung.

von: Christoph Köglmaier

Ein sonniger Nachmittag am Meer vor einigen Jahren: Meine durchschnittlich sportliche Freundin zeigt auf eine andere, ähnlich durchschnittlich sportliche Frau und sagt: „So würde ich gerne aussehen.“ Diese andere Frau bringt wahrscheinlich
fünf Kilo mehr auf die Waage als meine Freundin, ihr aber erscheint sie schlanker. An diesem Strandtag wird mir erst wirklich bewusst, was ich schon lange vage wahrgenommen habe: wie Körperbilder und in der Folge die Psyche von Menschen derart manipuliert werden, dass diese zu keiner realistischen Wahrnehmung mehr für sich und andere fähig sind. Denn Situationen wie die oben beschriebene habe ich vielfach erlebt. Als Partner und Freund bin ich es leid, immer wieder Tränen zu trocknen, weil schöne Frauen der festen Überzeugung sind, sie seien nicht schön und nicht gut genug, weil sie einem illusorisch utopischem Ideal nicht genügend entsprechen. Es macht mich traurig und wütend mit anzusehen, wie Menschen, die mir wichtig sind oder waren, in den Spiegel sehen und ganz offensichtlich nicht in der Lage sind, das zu sehen, was ich sehe. Als Soziologe versuche ich, die Mechanismen zu verstehen, die hinter meinen persönlichen Eindrücken stecken – und merke schnell, wie uferlos und komplex das Feld ist, auf das ich mich da begebe. Zumal, weil ich mich dabei schnell in der Rolle des Mannes wiederfinde, der Frauen erklärt, was sie als schön empfinden sollten – eine Rolle, die ich um keinen Preis spielen möchte. Denn diese ist schließlich eine der Hauptursachen des Problems.

Noch immer leben wir in einer von Männern dominierten Gesellschaft und diese ist wie keine zuvor geprägt von der Art und Weise unseres Wirtschaftens. Vereinfacht gesagt: Männer machen Werbung für Männer und zwar mit fragwürdigen Frauenbildern. Ob Autos, Fernseher oder Vorschlaghammer, völlig egal, ob diese Dinge in einem Zusammenhang mit dem Frauenkörper stehen oder nicht. Ein Konzept, das schon ziemlich lange ziemlich gut funktioniert. Sex sells … Werbung, die an Frauen adressiert ist, bemüht die gleichen Bilder und ist damit z.B. in den Bereichen Mode, Ernährung und Fitness erfolgreich. Dabei kommen Bilder zum Einsatz, die unsere Wahrnehmung verzerren und unsere Vorstellung von Schönheit verschieben. Und zwar im gleichen Maße, wie bei der Retusche von eben diesen Bildern ganze Körper verzerrt und ihre Einzelteile verschoben werden. Nasen werden verkleinert und neu platziert, Augen vergrößert, Hälse und Beine verlängert u.v.m. Es handelt sich also auch um ein von Männern gemachtes Problem. Natürlich gibt es auch weibliche Werbeschaffende, diese richten sich jedoch,genau wie ihre männlichen Kollegen, nicht nach humanistischen Idealen, sondern nach nackten Verkaufszahlen. Und diese sind erfahrungsgemäß umso besser, je mehr an die Träume als an die Realität der Konsument*innen appelliert wird. Zudem werden die genannten medialen Bilder nicht nur von Frauen, sondern eben auch von Männern wahrgenommen, welche eine ähnliche Erwartungshaltung gegenüber Frauen und ihrem Aussehen einnehmen, wie es Frauen in Bezug auf sich selbst tun. Der Gewöhnungseffekt, solche Bilder als „normal“ zu betrachten, wirkt auf beiden Seiten. Es entsteht ein realer Erwartungsdruck gegenüber Frauen, von innen und von außen, zur Hälfte getragen von Männern.

Die Folgen sind auch für Männer spürbar, und zwar in zweifacher Hinsicht: Zum einen sind wir indirekt betroffen, wenn unsere Freundinnen, Schwestern, Töchter usw. kontinuierlich von Selbstzweifeln geplagt werden. Sicher bin ich nicht der Einzige, den es nervt, gegen die Windmühlen medialer Bilder anzukämpfen, zu trösten, zu relativieren und zu motivieren, wohlwissend, dass ich diesen Kampf nicht gewinnen kann. Und es ist nicht nur die Genervtheit: Noch viel mehr berührt und bewegt es mich, was in den betroffenen Personen vorgeht. Zum anderen kennt der aktuelle Selbstoptimierungstrend letztlich keine Geschlechter- oder Altersgrenzen. Während Frauen möglichst zierlich, schön, süß und sexy zugleich und vor allem makellos sein sollten, gilt für Männer: Seid bitte groß und stark, aber auch mutig, tapfer, selbstsicher und irgendwie kantig und roh – wobei der Toleranzbereich für Männer deutlich größer ist als für Frauen. Doch das Abarbeiten im Fitnessstudios bis zur Erschöpfung und darüber hinaus, das Entwickeln von Essstörungen, die Pflege des Körpers und dessen standesgemäßer Verpackung sind längst auch „Männersache“. Im Rahmen dieses kleinen Textes bleibt mir daher nur, einen Wunsch zu äußern: Ich möchte in einer Welt leben, in der jeder Mensch das Recht auf ein intaktes Körperbild hat – weil ich nicht einsehe, dass die Frage, ob einen die Lieblingshose dick aussehen lässt, jemandem den Abend versaut. Weil es mir wichtiger ist, mich mit meinem Gegenüber über unsere Beziehung und unsere Gedanken auszutauschen als über die Sinnlosigkeit zu referieren, computergenerierten Freaks nachzueifern. Natürlich mache auch ich mir meine Gedanken über mich und mein Aussehen. Den Druck und die Verzweiflung, die ich von meinen Freundinnen kenne, möchte ich aber nicht erleben. Und ich möchte auch nicht, dass irgendjemand anders das erleben muss. Es handelt sich hier eben weder um ein von Frauen gemachtes Problem noch betrifft es sie exklusiv. Unsere verschobenen Vorstellung zurechtzurücken, sollte in unser aller Interesse liegen.