Der Schlechtmensch in mir

angel-1384694_1280

Aus unserem Archiv (Ausgabe 1/16):

Biokost, Fairtrade, Energiesparprogramm. Gut zu handeln ist manchmal gar nicht so leicht. Vor allem, wenn einem tagtäglich vor Augen geführt wird, an welchen seiner Fehler man dringend noch arbeiten müsste. Ein Stoßseufzer.

Von: Carmen Schnitzer

Ich gestehe: Für das Veggie Journal zu arbeiten, kann sehr anstrengend sein. Nicht so sehr wegen stressiger Redaktionsschluss-Phasen, plappernder Kolleginnen, klingelnder Telefone oder eines durch die Lappen – bzw. die Korrekturschleifen – gegangenen Tippfehlers, auf den uns aufmerksame Leser*innen hinweisen, was uns jedes Mal wieder ein wenig peinlich ist. Das alles gehört dazu, und ich liebe meinen Job als Journalistin nicht zuletzt aufgrund seiner Turbulenzen. Ich liebe auch unsere Zeitschrift. Ihren kritischen und doch liebevollen Blick auf die Dinge, die leckeren Rezepte und die erhellenden Informationen, die mein Team recherchiert und die meine Sicht auf die Welt ein ums andere Mal erschüttern oder auch gerade rücken. Ich mag das Leserlob und die Anregungen, die Sie mir schicken, ich freue mich über all die tollen Menschen um mich herum, die sich Tag für Tag bemühen, die Welt ein bisschen besser zu machen.

Aber manchmal, ja, da sehne ich mich nach den Jahren zurück, in denen ich mich als Redakteurin einer Teeniezeitschrift mit jeder Menge Quatsch beschäftigen durfte. Einer Zeit, in der ich z.B. mit dem damals noch recht unbekannten Justin Bieber im bayerischen Biergarten saß und über die bald anstehende Geburt seiner kleinen Schwester parlierte, von der er mir mit leuchtenden Augen erzählte. In der ich auf der After-Show-Party eines TV-Castings mit einem „Bauer sucht Frau“-Pärchen Brüderschaft trank, bevor ich dem Gewinner der Gesangs-Show zwecks gemeinsamen Fotos unser Redaktionsmaskottchen in die Hand drückte, eine kleine Stoffhündin namens Pepsi-Carola. Die wurde von der jugendlichen Leserschaft heiß und innig geliebt und besaß ein eigenes Facebook-Profil, das meine Kolleginnen und ich regelmäßig mit Fotos und Wuff-Kommentaren bestückten. Das alles gehörte zu meinem Job und weiß Gott – damals wünschte ich mir ein ums andere Mal, endlich Dinge von Gewicht schreiben zu dürfen, Dinge, die nachhaltig etwas verändern.

Mein sündiges Hirn-Teufelchen

Nachhaltig, da haben wir das Stichwort! Mit Nachhaltigkeit habe ich seit knapp drei Jahren nun tagaus, tagein zu tun; auch ökologisch, fair, vegan, tierversuchs-, gluten- und zuckerfrei sind Begriffe, die aus meinem Alltag nicht mehr wegzudenken sind. Nicht dass sie dort nicht (teilweise) auch vorher schon eine Rolle gespielt haben. Allein – das zeitweilige Verdrängen war einfacher. Mein ehemaliger Job bescherte mir im Privatleben lustigen Partytalk, mein jetziger konfrontiert mich nach Feierabend regelmäßig mit schlechtem Gewissen – und zwar auf mehreren Ebenen: Da sind z.B. die neuen Bekanntschaften, die nach meinem Berufs-„Outing“ meist glauben, sich für ihren Ernährungsstil vor mir rechtfertigen zu müssen. Oder die Freunde, die nun plötzlich bei jedem Bissen in die Currywurst entschuldigend zu mir hinüberschielen, obwohl ich doch auch schon vor Jahren nicht von ihrem Tellerchen naschen wollte. Nur damals spielte es keine so große Rolle, dass ich nie Fleisch bestellte. Es war eben so und damit gut. Vor allem aber bin ich konfrontiert mit meinem eigenen Hirn-Teufelchen, das mittlerweile täglich mit seinem Engelchen-Rivalen kämpfen muss. Bei jedem Supermarkt-Einkauf, jeder Imbiss-Bestellung, jeder Reiseplanung. Und. So. Weiter. Das Problem: Ich konsumiere ganz okay, für einige vermutlich fast vorbildlich, aber eben nur fast. Vom perfekten Lebensstil bin ich meilenweit entfernt, und das wird mir durch meine Arbeit hier permanent vor Augen geführt. Obwohl ich mich um ein einigermaßen veganes Leben bemühe, erlaube ich mir hin und wieder ein Stück Käse oder eihaltigen Kuchen. Darüber hinaus bin ich „süchtig“ nach einem in jeder Hinsicht verabscheuungswürdigen Softdrink, dessen Namen ich an dieser Stelle bewusst verschweige. Ich steige auch manchmal in ein Flugzeug und liebäugele bisweilen mit hübschen Kleidungsstücken fragwürdiger Herkunft. Uff. Jetzt ist es raus.

Das alles war schon immer so. Wie wohl die meisten von Ihnen balanciere ich mein Leben lang auf dem schmalen Grat zwischen Bequemlichkeit und hohem Anspruch an mich selbst. Zwischen Egoismus und Empathie. Lustprinzip und Vernunft. Sie kennen das. Hoffe ich zumindest. Denn durch meine Arbeit fühle ich mich manchmal umgeben von großartigen Seiltänzerinnen und Akrobaten, die all diese Alltags-Kunststücke mit Bravour zu meistern scheinen. Die kaum noch Plastik im Haus haben, die niemals „böse“ Lebensmittel in sich hineinstopfen, die mit wenig Geld im Keller ihrer Eltern großartige Bio-Start-ups gründen und regelmäßig einen Teil ihres Erlöses wohltätigen Organisationen zukommen lassen. Wenn diese Menschen dann auch noch wunderbar warmherzig, lebensfroh und tolerant durch die Welt spazieren, ist es aus. Ich fühle mich minderwertig. Je nach Tagesform schmiede ich dann gute Vorsätze und lebe ein paar Tage lang „besser“ als zuvor – oder kaufe trotzig irgendeinen Mist, nach dem Motto: „Man muss auch mal unvernünftig sein, das gönne ich mir jetzt.“

Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Ich bewundere all die Leute, die mir in den letzten Jahren in meinem Arbeitsumfeld begegnet sind. Es ist gut und wichtig, den eigenen Konsum zu reflektieren und nicht wahllos irgendwelchen Schrott zu kaufen. Sich darüber zu informieren, welche Konzerne hinter welchen Marken stecken und was das für unsere Umwelt und Gesundheit bedeutet. Oft ist das gar nicht so leicht, denn die komplexen Zusammenhänge sind bisweilen kaum noch zu durchschauen. Trotzdem lohnt sich das Recherchieren, gar keine Frage. Doch all das Wissen und Bemühen kann einen schier an den Rand des Wahnsinns treiben und damit ist auch wieder niemandem geholfen. In Maßen ist auch Verdrängung Umweltschutz, diese Erkenntnis tröstet mich. Denn jeder und jede Einzelne von uns gehört zur Umwelt und verdient ein bisschen Seelenfrieden und Vergebung der eigenen „Sünden“. Das sage ich als Agnostikerin, die mittelgut lebt, isst und konsumiert. Seien Sie lieb zu sich!

2 KOMMENTARE

  1. Wirklich vielen lieben Dank für diesen Beitrag! Ähnliche Gedanken treiben mich auch um bzw haben mich umgetrieben. Ja, auch ich bin mir selbst wichtig und sorge für mich und es macht mir Spaß etwas zu essen, obwohl Palmöl draufsteht. Wenn ich es überhaupt beachtet habe. Und es in Plastik verpackt ist. Und es niemand bekommt, der wirklich Hunger leidet.
    Das Problem ist, dass das man dieses Spiel unendlich weit treiben kann. Wenn man e schafft, alle im Artikel aufgeführten Punkte einzuhalten und umzusetzen, dann kommt das nächste: Warum nehme ich teil am Geldsystem und unserem ausbeuterischen System insgesamt?
    Und letzten Endes: warum lebe ich überhaupt und verbrauche Ressourcen?
    Klingt vielleicht hardcore und als ginge es zu weit, aber ich glaube, viele Menschen kennen dieses Phänomen, dass man unabhängig vom eigenen Einsatz IMMER von anderen daran erinnert wird, dass man nicht perfekt handelt und immer noch einen Schritt weitergehen kann. Anstatt mal zu sagen: Cool, dass du dir Gedanken machst.
    Deshalb muss man sich selbst dankbar sein, sich belohnen und seine eigene Leistung anerkennen.

    Mal davon abgesehen, dass „perfekt“ weder existiert noch bei allen Menschen gleich aussieht 😉

    Musste es denn echt so weit kommen, dass man sich schämen muss, weil man überhaut damit angefangen hat, sich für die Umwelt um sich herum zu interessieren? Wird man belohnt, wenns einem eh egal ist? Weils dann eh egal ist?
    Müssen Freundschaften kaputt gehen, weil man über Plastikmüll redet?

    Nochmal vielen Dank für den tollen Artikel 🙂