Faule Ausreden

Manche Diskussion auf meinem Blog erfährt in letzter Zeit gegen Ende eine skurrile Wendung. Nachdem mich mal wieder etliche Fleischologen davon überzeugen wollten, dass es in ganz Europa kein  besseres Vorbild gibt als einen wilden Löwen („Aber die dürfen ja auch Fleisch essen!“) und dass irgendein sympathischer, total tierlieber Kerl mit wenigen Dutzend Kühen so ziemlich alle Supermärkte des Landes mit artgerechtem Fleisch (was für ein Begriff!) beliefert, kippte die Argumentation immer auf dieselbe Weise: All der Aufwand mit veganer Ernährung lohne sich doch gar nicht, wenn die Welt ohnehin an Überbevölkerung zu kollabieren drohe! Das ist so was wie ein ultimativer Joker für Online-Diskussionen, denn er ist extrem vielseitig einsetzbar: Die Menschen verursachen unfassbares Tierleid? Kann ich nichts machen, die Überbevölkerung wird uns nämlich leider alle hinwegfegen. Klimapolitik? Voll sinnlos angesichts der exponentiellen Überbevölkerung. Warum Menschen allen Ernstes Kinder in Welt setzen, obwohl sie diesem fatalistischen Weltbild anhängen, bleibt mir auf ewig ein Rätsel, aber ich kann an der Stelle beruhigen: Der Weltuntergang aufgrund von Überbevölkerung fällt dieses Jahrhundert aus, denn die Geburtenraten gehen weltweit runter. Anders als oft behauptet wird, wächst die Menschenmenge alles andere als exponentiell, die Wachstumsrate (nicht die Gesamtzahl) hatte ihren Höhepunkt bereits 1962, seitdem sinkt der Zuwachs. Von den 1970er-Jahren bis 2011 dauerte es immer nur 12 Jahre, bis sich die Weltbevölkerung um jeweils eine Milliarde Menschen erhöhte. Für die achte Milliarde brauchen wir aktuell wieder mehr Zeit und für das Anwachsen von zehn auf die letzte, die elfte Milliarde Menschen, werden voraussichtlich schon 32 Jahre ins Land gehen. Danach gibt laut Schätzungen keine weitere Milliarde mehr. Dennoch lese ich ständig Forderungen von Billigschnitzel mampfenden Personen, hier mehr zu tun. Die Frage ist nur: was? Die meistens nicht konkret ausformulierte Beschwerde ist, dass in den heute schon „überbevölkerten“ Ländern – und hiermit sind fast immer Afrika und Asien gemeint – dann bald so viele Ressourcen benötigt werden, dass wir paar Europäer doch gar keinen Einfluss mehr haben. Der Witz ist nur: In nüchternen Zahlen ausgedrückt ist Europa viel dichter bevölkert als die meisten anderen Regionen der Erde. Selbst wenn heute alle Menschen aus Indien und China nach Afrika umsiedeln würden, wäre die Bevölkerungsdichte dort immer noch weit geringer als die in Deutschland. Hinzu kommt, dass wir durch unseren Wohlstand viel mehr konsumieren können und dieser Nachfragesog sich längst auf afrikanische Fischbestände, südamerikanische Regenwälder und chinesische Erzminen ausweitet. Vor einigen Wochen blickten wir Europäer fassungslos auf den brennenden Amazonas-Regenwald, zeitgleich importierten wir 27 Millionen Tonnen Soja von dort. Wir verfahren jeden Tag zehn Millionen Liter Palmöl, getarnt als „Biodiesel“, und verteilen zum Dank unseren Müll über ganz Asien. Wir sollten also trotz – oder eher wegen? – der steigenden und bald wohlhabenderen Weltbevölkerung unseren eigenen Umgang mit dem Planeten überdenken. Denn wenn sich irgendwann elf Milliarden Menschen so benehmen, wie wir gerade, dann droht uns tatsächlich der Kollaps.

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