Fleisch ohne Tier- woher kommt das Steak von morgen?

Wie unser Essen im Jahr 2050 aussieht? Schwer zu sagen, ich bin mir jedoch sicher: Es wird pflanzlicher sein.

Ob ich ein hoffnungsloser Naivling bin? Schon möglich, aber in einem Punkt hat das mit Naivität wenig zu tun: Für Menschen in 30 Jahren wird echtes Fleisch aus echten Tieren vermutlich ein teurer, extravaganter Spaß sein, dessen scheinbarer Mehrwert sich den meisten nicht wirklich erschließen dürfte. Einen leichten Vorgeschmack erleben wir ja jetzt schon, satte 31 Jahre vor dem Stichjahr, in Form von Unternehmen wie Beyond Meat. Mit ihren gruselig nach  Original schmeckenden Pflanzenpattys haben sie den besten Börsenstart seit 20 Jahren hingelegt. Mit einer CO2-Steuer wären die Pflanzenpattys nicht nur tierfreundlicher, klimaschonender und mutmaßlich gesünder als die altmodische Variante aus zersägter Kuh, sondern auch noch deutlich günstiger. Wir hören natürlich auch weiterhin Stimmen, dass irgendwelche Ganz- wenig-Fleisch-Esser*innen das angeblich aus geschmacklichen oder gesundheitlichen Gründen ablehnen. Aber auch für die wird es bald argumentativ noch wackeliger als ohnehin schon. Dann nämlich, wenn der Preis für In-vitro-Fleisch in Regionen vordringt, angesichts derer die gesamte Führungsriege der großen Fleischkonzerne nachts schweißgebadet aus Alpträumen erwacht.

Bei In-vitro-Fleisch werden ein paar Zellen von lebenden Tieren entnommen, denen dann leckere Nährlösung vorgesetzt wird. So wachsen aus den Zellen große Gewebeklumpen heran, die man, je nach Vorliebe, dann verspeisen oder angeekelt aus dem Fenster werfen kann. Seit die in diesem Sektor aktiven Start-Ups auch kein Kälberserum mehr benötigen, ist der fragliche Punkt für Veganer*innen primär, ob man sich nicht auch dann an Tierausbeutung beteiligt, wenn man nur einem Tier ein paar Zellen entnimmt und es ansonsten in Frieden lässt. Theoretisch könnte auf diese Weise ein einzelnes Hühnchen die Welt ernähren. Dem könnte man also locker fünf Hektar Wiese gönnen, einen persönlichen Leibarzt, exquisites Futter und eine Schar von Dienern, die ihm nach dem Verrichten seiner Geschäfte güldenes Toilettenpapier reichen. Aktuell gehen die meisten Firmen allerdings davon aus, dass ein einzelnes Individuum nicht ausreicht. Für das Heranzüchten von Rindfleisch, gehen Schätzungen momentan von ungefähr 10.000 benötigten Tieren aus, um den jetzigen Weltbedarf an Rindfleisch zu decken. Aktuell halten sich die Menschen über eine Milliarde Kühe auf unserem Planeten. Diese Technik hätte also jetzt schon das Potential, allein 999.990.000 Kühe vor dem Elend der Fleischwirtschaft zu bewahren. Die gigantischen Flächen und Klimaemissionen, die wir dabei einsparten, wären noch ein Bonus. In einer Zukunft, in der diese Technik echtes falsches Fleisch zu niedrigen Preisen ermöglicht, wird das Eis für die Verfechter*innen von Tierschlachtanstalten sehr, sehr dünn: Die Fleischmasse aus dem Labor wäre auf molekularer Ebene von aus Tieren rausgeschnittenen Teilen quasi nicht unterscheidbar – nur noch die Verunreinigungen ließen auf die Herkunft aus einem tatsächlichen Tier schließen. Sollte sich jemand dennoch für das Original entscheiden, dann müsste er*sie mehr Geld für das exakt baugleiche Produkt, verbunden mit mehr Umweltschäden und dem Tod eines echten Tieres bezahlen.

Dieses Konzept ergäbe dann nur noch Sinn, wenn jemand explizit will, dass für sein*ihr Essen ein Tier stirbt. Es wäre kein Kollateralschaden auf dem vermeintlich komfortablen Weg zu einer Mahlzeit, es wäre vielmehr, als würde ein*e Diabetiker*in konkret nach Insulin verlangen, das wie früher aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen gewonnen wurde und nicht wie heute aus Mikroorganismen. Die gute Nachricht an dieser Stelle: Die Nachfrage nach explizitem Bauchspeicheldrüseninsulin lag letztes Jahr bei null.

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