Frag die Expertin: Freund*in oder Futter?

Foto: Lee Dale

Vegan World: Melanie, Menschen lieben Tiere, Millionen Katzenvideos im Netz zeigen das. Menschen lieben aber auch Tiere auf dem Teller, was die vielen Millionen Schlachttiere noch deutlicher zeigen. Gerade für Veganer*innen ist es oft nicht zu verstehen, warum ihre Artgenossinnen so selektiv mit ihrer Zuneigung gegenüber anderen Lebewesen sind. Wie erklärst du das als Sozialpsychologin?

Dr. Melanie Joy:
Den Grund, warum Menschen Tiere so unterschiedlich wahrnehmen und behandeln, nenne ich Karnismus (von lat. carne – Fleisch oder „vom Fleisch“, und der Endung -ismus – meist Geisteshaltung/Lebenseinstellung). Er bildet sozusagen das Gegenstück zum Veganismus. Er ist das unsichtbare Werte-/ Glaubenssystem, dass uns daran gewöhnt, manche Tiere zu essen und manche nicht. Die meisten Menschen gehen davon aus, dass „nur“ Veganer*innen einer Ideologie folgen, aber das stimmt so nicht. Wir alle wachsen in einer Welt auf, in der Karnismus ein vorherrschendes System ist. Seine Logik durchzieht alle Bereiche der Gesellschaft und ist fest verankert. Er beeinflusst unsere Überzeugungen, Werte und Normen, Gesetze und unser Verhalten. Durch ihn erlernen wir, dass Tiere zu essen normal, natürlich und notwendig ist. Vor allem lernen wir, welche Tiere als essbar gelten und welche nicht. Dadurch verlieren wir unsere natürliche Empathie diesen Lebewesen gegenüber, weil wir sie als essbar klassifizieren. Wir sehen die Tiere auch nicht mehr als solche. Wenn du als Fleischesser*in einen Burger siehst, nimmst du diesen nicht mehr als die Kuh wahr, die er mal war, oder als totes Tier, sondern als Essen. Er wird in den meisten Fällen eher Appetit als Bedauern in dir auslösen. Wenn dir nun jemand sagen würde, das es sich dabei um Hundefleisch handelt, wärst du wahrscheinlich ziemlich angewidert, weil wir, im Gegensatz zu Kühen zum Beispiel, unsere Empathie gegenüber Hunden nicht verlernt haben. Im Gegenteil, wir pflegen diese sogar. Dieses Beispiel gilt zumindest für den westlichen Kulturkreis. Es zeigt aber eben auch, dass unsere Sicht auf die Dinge erlernt ist. In Teilen Asiens lernen Menschen anderes. Da ist es normal, Hunde- und Schlangenfleisch zu essen, was die meisten Menschen in Europa und Nordamerika falsch oder abstoßend finden. Am Ende sind es immer nur eine Handvoll Tiere, die wir (als fleischessende Kulturen) als essbar erlernen. Der Rest gilt als ungenießbar und ekelerregend. Für viele Menschen ist das Essen von Tieren nicht mehr notwendig. Es ist also eine Entscheidung, die wir aus den Überzeugungen heraus treffen, die uns der Karnismus gelehrt hat, als solche aber nicht wahrgenommen werden. Diese basieren auf einem Abwehrmechanismus, der unsere Wahrnehmung von Fleisch, Milch und Eiern in einer Weise verzerrt, dass wir diese verzehren können, ohne das natürliche Unbehagen zu verspüren, das wir sonst hätten. Eigentlich handeln wir gegen unsere Grundwerte wie Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn, ohne das jedoch zu bemerken. Karnismus funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie andere unterdrückende Ideologien, wie Sexismus, Rassismus oder Klassismus. Wer mehr darüber erfahren möchte: In dem Buch „Powerarchy“ habe ich mich mit diesen Unterdrückungsmechanismen und ihren Gemeinsamkeiten beschäftigt, in „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ geht es speziell um Karnismus.

Info:

Dr. Melanie Joy ist promovierte Sozialpsychologin, Autorin, Rednerin, Beraterin und Beziehungscoach. Neben ihrem wahrscheinlich bekanntesten Werk „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen, und Kühe anziehen“, veröffentlichte sie unter anderem „Beyond Beliefs: A Guide to Improving Relationships and Communication for Vegans, Vegetarians, and Meat Eaters“ und „Powerarchy: Understanding the Psychology of Oppression for Social Transformation; and Strategic Action for Animals“, die bisher noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegen. Als Gründerin und Präsidentin von Beyond Carnism, Co-Direktorin des Center for Effective Vegan Advocacy sowie als Mitbegründerin von ProVeg International ist sie international tätig und wurde mit dem Ahimsa-Award für ihre Arbeit an der globalen Gewaltlosigkeit ausgezeichnet.

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