Ganz oder gar nicht?

Vegan zu leben heißt perfekt zu sein, oder?

Der gute Bergkäse, die hübsche Ledertasche, das duftende Milch-und-Honig-Shampoo – auch überzeugte Veganer*innen geraten manchmal in Versuchung. Wie viel Konsequenz muss eigentlich sein?

Von: Carmen Schnitzer

Ich trinke gerne Wein. Um zu überprüfen, ob ich auch mal ohne kann, versuchte ich mich 2011 erstmals an einem alkoholfreien Januar, der mir so guttat, dass ich ihn fortan zu meiner persönlichen kleinen Tradition erklärte. Alljährlich werde ich seitdem Ende Dezember mit der Frage konfrontiert, ob ich an Silvester Punkt Mitternacht mein Sektglas abstellen und während der restlichen Party an einer Saftschorle nuckeln werde. Guess what? Nö! Das letzte Glas Sekt werde ich vermutlich ungefähr um drei Uhr morgens leeren, vielleicht auch etwas später. Das sei aber ja ein wenig inkonsequent, werde ich dann lächelnd belehrt, das zähle ja dann nicht wirklich und überhaupt …

Warum ich das hier erzähle? Weil vermutlich viele Veganer*innen ähnliche Unterhaltungen kennen. Du trägst noch deine alten Lederstiefel? Du hast ausnahmsweise einen eihaltigen Kuchen verputzt, um deiner Oma eine Freude zu machen? Du bist neulich schwach geworden, als dich im Bioladen der Teller mit den Probier-Käsewürfeln angelacht hat? Nicht unwahrscheinlich, dass daraufhin ein*e Allesesser*in in deiner Umgebung zu einer triumphierenden Belehrungsrede ansetzt: „Na, das ist aber inkonsequent! Und du weißt übrigens schon, dass für Avocados Wälder abgeholzt und Unmengen an Wasser verbraucht werden? Außerdem bist du neulich mit dem Flugzeug geflogen! Wie sieht es denn da mit deinem Umweltbewusstsein aus, na, na, naaaaa?“ Fettes Grinsen. Gewonnen! Oder?

Ganz ehrlich: Was will man uns mit diesen Hinweisen eigentlich sagen? Dass wir nicht perfekt sind? Sag bloß! Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster und behaupte: Das wissen die meisten Veganer*innen auch so schon ganz gut. Dass unser Ansinnen verlogen ist? Sollte sich jemand aufführen, als sei er oder sie ein*e unfehlbare*r Heilige*r, dann ist solch ein kleines Zurechtrücken der Wahrnehmung sicher angebracht, ehrlich gesagt kenne ich aber verdammt wenige Veganer*innen, auf die das zutrifft. Dass unser Bemühen eh keinen Sinn hat, denn hey, die Welt ist schlecht, der Mensch ist schwach, nun mach dich doch mal locker? Ööööhm. Noch mal kurz nachdenken bitte! Man stelle sich ein unterstützenswertes Hilfsprojekt vor, für das 50.000 Euro benötigt werden. Die hat man nicht, könnte aber ein Tausendstel davon locker machen, vielleicht mit ein bisschen Bauchweh, aber ohne allzu große Einschränkungen. Preisfrage: Ist es eine gute Idee, das zu tun? Oder doof, weil ja dann immer noch 49.950 Euro fehlen? Die Antwort liegt hoffentlich auf der Hand.

Was ich sagen will: Wer nicht gerade Held*in in einem Action-Fantasy-Film ist, der wird sich immer schwer tun, die ganze Welt zu retten. Was heißt schwer tun: Der*die wird das nicht schaffen, Punkt. Aber wir alle können uns um ein bestmögliches Handeln bemühen, im Rahmen der körperlichen, psychischen, finanziellen, intellektuellen usw. Möglichkeiten, die wir eben haben. Dabei können manchmal verschiedene Werte kollidieren, z.B. die Wertschätzung, die wir unserer Oma entgegenbringen möchten und unser Wunsch, für möglichst wenig bis Tierleid verantwortlich zu sein. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Die Liste ist fortsetzbar: Kann man es einer Vierjährigen zumuten, beim Kindergeburtstag nicht das essen zu dürfen, was alle anderen bekommen? Gibt man dem Bruder sein Weihnachtsgeschenk zurück, weil an der hübschen Handtasche ein kleines Lederpad aufgenäht ist? Und so weiter. Die Antworten werden unterschiedlich ausfallen, jede*r wägt ab, so gut er*sie eben kann und entscheidet sich dann für den Weg, der ihm*ihr (momentan) als der sinnvollste erscheint. Dazu kommen die Situationen, in denen unserer Inkonsequenz oder unserem gelegentlichen „Sündigen“ kein langes, reflektiertes Abwägen vorangegangen ist, sondern wir aus einer blöden Laune oder purer Lust heraus unsere Prinzipien über Bord werfen.

Nein, das ist nicht konsequent. Aber wer andere oder sich selbst – das kommt ja auch vor – dafür verteufelt, dass es nur für 80 und nicht für 100 Prozent reicht, der tappt früher oder später in die „Jetzt ist eh schon alles egal“-Falle. Und gerade das ist es eben nicht: egal. Abgesehen davon, dass ein 100 Prozent veganes Leben in unserer Gesellschaft derzeit noch nicht möglich und es natürlich großartig ist, wenn jemand 99 Prozent schafft, sind 80 Prozent immer noch besser als null. Diese 80 Prozent gilt es anzuerkennen, anstatt immerzu auf den fehlenden 20 Prozent herumzuhacken. Jeder Schritt zählt, genau wie jeder einzelne Euro in einem unterstützenswerten Hilfsprojekt gut angelegt ist.

Ach, und übrigens: Ich schlucke in aller Regel nicht Punkt null Uhr in der Nacht zum 1. Februar wieder den ersten Schluck Wein, sondern meistens später. Gleicht sich also alles wieder aus. Ich wünsche dir ein genussreiches und friedliches 2019!