Kolumne: Sophias vegane Welt

1506668_10153735680984726_5529450699397197667_n

(c) Zoe Spawton


Sophia Hoffmann über Glitzer, grüne Smoothies und langjährigen Freundschaften

Wussten Sie schon, dass uns Sophia Hoffmann ab sofort in unserem Schwester-Magazin Vegan World mit einer eigenen Kolumne beglücken wird? Als kleines Schmankerl präsentieren wir hier ihren ersten Text. Weitere Infos rund um die Vegan World finden Sie unter: www.veganworld.de

Immer feste feiern

Seit ich mich erinnern kann, habe ich es geliebt, Feste zu feiern. Schon als Kleinkind wollte ich nie schlafen gehen, wenn die Erwachsenen gerade, wie es mir schien, anfingen, die richtig spannenden Dinge zu machen. Sie lachten hysterisch, spielten laute, fremdartige Musik, lagen sich in den Armen und manchmal diskutierten sie wie wild oder küssten sich. Ich verstand natürlich nicht, worum es ging, aber ich war fasziniert von dem ganzen Tamtam. Oft fielen mir schon die Augen zu und meine liebe Mutter sprach: „Aber schau, du bist doch schon soooo müde!“, woraufhin ich trotzig, aber bestimmt entgegnete: „Ich bin nicht müde, ich bin nur faul …“ Zu meinem vierten Geburtstag durfte ich dann endlich das erste Mal selbst eine Party schmeißen, mit all meinen Kindergartenfreunden. Ich war schon im Vorfeld dermaßen aufgeregt und überdreht, dass ich wie ein wildes kleines Tier auf die eintreffenden Kinder losging, schon nach einer Stunde musste das Event abgebrochen werden. Ein Psychologe hätte seine Freude an der Geschichte. Doch mit dem Älterwerden entwickelte ich neue Taktiken des Feierns. Nachdem ich als Teenager den Alkoholkonsum entdeckt hatte, versuchte ich, meine Aufregung mit möglichst vielen, möglichst schnell genossenen Drinks zu besänftigen, was mehr als einmal dazu führte, dass ich schon laut schnarchend in der Ecke lag, bevor alle meine Gäste eingetroffen waren. Erst mit Anfang 20 wendete sich das Blatt, als „Party machen“ quasi über Nacht zu meinem Job wurde. Denn bevor ich anfing, veganes Essen in die Welt zu tragen, war ich eine professionelle Partymaus. Zehn Jahre habe ich als DJ/Veranstalterin im Nachtleben gearbeitet. Was mit einem „Übernimm mal schnell die Plattenteller, ich muss Pipi“ eines DJ-Freundes anfing und mit der Idee, „mal ’ne Party“ zu schmeißen, wurde schnell mehr. Parallelen zu späteren Kochaktivitäten nicht auszuschließen. Bald organisierte ich gemeinsam mit einer Freundin unter dem Namen Less-Talk-More-Rock-Feste für anfangs 200 bis schließlich 800 zahlende Gäste in stetig größer werdenden Locations. Wir buchten DJs, Bands, entwarfen Plakate, druckten Flyer, machten Promotion (damals noch via Myspace) und: Es gab immer ein Motto. Mal hieß es „15 Minutes of Fame“ und die Gäste mussten am Eingang auf einem recht trashigen Roten Teppich mit Rich Prosecco aus der Dose posieren, der damals dank Paris Hiltons Werbetätigkeit für die Marke fragwürdigen Fame erfuhr. Die Fotos wurden dann später mit einem Beamer über den Dancefloor projiziert. Legendär war auch unser „Stadl des Grauens“ – eine Mischung aus Musikantenstadl und Splattermovie als sommerliche Kostümparty. Wir dekorierten den Eingangsbereich des Clubs mit Heuballen und abgehackten Köpfen aus Pappmaché, ich kochte drei Liter Kunstblut und kein Gast ging unbesudelt nach Hause. Im Nachtbus kam es zu schockierenden Szenen, weil ein eingeschlafener, kunstblutverschmierter Partygast fälschlich für das Opfer eines Überfalls gehalten wurde. Unsere Feste waren legendär, wir hatten Stammgäste, die über die Jahre zu guten Freunden wurden und auf dem Höhepunkt unseres „Schaffens“ beschlossen wir, das letzte Fest zu feiern, denn man soll bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist. Meine Freundin und ich trugen schwarze Abendkleider und spielten zum Sonnenaufgang einen Trauermarsch, das Wiener Riesenrad glitzerte durch die schmierigen Fenster des Clubs und wir lagen uns mit einem weinenden und einem lachenden Auge in den Armen. Es war eine wilde, bunte und sehr konfettilastige Zeit, ich zog meine Glitzerspur durch die Stadt, wortwörtlich. Wenn DJ-Kollegen auf den Turntables feine Glitzerspuren fanden hieß es „Herrje, Sophia war wieder da, das Zeug kriegst du nie wieder weg …“. Dann zog ich nach Berlin und fand auch dort schnell eine Spielkameradin an den Turntables, mit Nina legte ich weitere fünf Jahre als Tigeress DJs auf. Wir trugen wilde Kostüme, egal ob als Flamingos verkleidet, als Mötley Crue oder als Erdbeeren, wir brachten jede noch so müde Crowd zum Tanzen. Egal ob White Trash, Bar Tausend oder bei den „100 schönsten DJs von Berlin“ – die Tigerinnen waren am Start und jetsetteten zwischen den DJ-Pults von München, Stuttgart und Unterpfaffenhofen. Unter süßem Schmerz ließen wir uns ein gemeinsames Tiger-Tattoo stechen. Jahre später, als ich des Nachtlebens langsam müde wurde, beschloss ich, „mal ein Dinner zu machen“. Natürlich mit Motto. „Game Of Thrones“, „Grüne Punkte“, „NoodleDoodle“, „Detox vs. Dessert“, „Ganz in Weiß“… Der Rest ist Geschichte. Daraus wurde ein Gewerbe, ein Kochbuch, ein Youtube-Kanal – eine Berufung. Auch Nina hörte den kulinarisch-veganen Ruf und eröffnete Anfang 2014 in Berlin zusammen mit ihrem Mann das Let It Be, eine Crêperie & Burgerlokal. Anfangs habe ich ihr dort viel geholfen und wenn wir gemeinsam hinter den Platten standen und durch das Fenster in den Gästeraum sahen, war das fast wie hinter den Turntables… Vor zwei Jahren dann hängte ich den glitzernden DJ-Mantel zugunsten des Kochlöffels komplett an den Haken und natürlich profitiere ich noch heute von den Erfahrungswerten von damals. So viel anders ist es gar nicht, ob man ein Dinner oder eine Party organisiert. Nur vielleicht ein wenig gesünder. Mein bestes Gegengift bei bösem Kater ist tatsächlich ein dicker cremiger grüner Smoothie. Ich hatte da mal ein fast göttliches Erlebnis, seitdem schwöre ich darauf, auch wenn es mittlerweile nicht mehr so oft vorkommt, dass ich verkatert aufwache. Einfach weil ich weniger trinke und mehr koche als feiere. Mit jedem Schluck dieses holden Getränks verschwanden meine Kopfschmerzen ein bisschen mehr und ich spürte wie die reine saftige Lebensenergie in meinen geschundenen Körper zurückkehrte. Hierfür nahm ich: eine ½ Avocado, 2 Handvoll frischen Spinat, 5 große Blätter Basilikum, 1 Apfel, 1 Banane, 1 kleines Stück geschälten frischen Ingwer und eine ¼ Zitrone. Ab in den Mixer damit und runterschlucken. Wirkt Wunder. Nichttrinken übrigens auch. Guten Appetit!

Als lebensfrohes Schleckermäulchen und Kreativköchin spielt Sophia Hoffmann mit Essen wie keine Zweite. Die gebürtige Münchnerin lebte lange vegetarisch, bevor sie 2012 auf vegan umstellte. Ihr Kochbuch „Sophias vegane Welt“ erschien im Herbst 2014 – vor kurzem folgte ein gleichnamiger Youtube Channel. Infos zu Sophia finden Sie online unter www.oh-sophia.net oder unter www.sophiahoffmann.com. Sophia Hoffmann ist ab der aktuellen Ausgabe regelmäßige Kolumnistin der Vegan World.