Pelz boomt: Die traurige Legende vom glücklichen Nerz

Die häufigsten Argumente pro Pelz

Natürlich werden immer wieder auch konkrete Argumente pro Pelz bemüht. In einem Interview mit der New York Times verteidigte Lagerfeld seine „Haute Fourrure“ mit den Worten, an Pelz hänge schließlich eine ganze Industrie. Wenn man diese also abschaffe, wer bezahle dann all die Arbeitslosen? Die Pelzindustrie selbst führt angeblich modernisierte, tierfreundliche Produktionsbedingungen an. Auf der Website des Deutschen Pelz-Instituts wird ein großer Teil der Fellgewinnung (37,6 Prozent) mit „Von der grünen Wiese“ bezeichnet. Neben solcher Eindrucksvermittlung, dass Pelztiere ein geradezu idyllisches Leben führen, macht die Industrie mit
Qualitätssiegeln wie „Origin Assured“ Werbung für eine „gesicherte“ Herkunft der Felle. Gerade für viele jüngere Leute, die sich für Kleidung tierischer Herkunft entscheiden, spielt außerdem der Umweltaspekt eine Rolle. Die Überlegung lautet, dass ein Naturprodukt wie Fell oder Leder nicht nur qualitativ hochwertiger, sondern auch umweltfreundlicher sei – sowohl in der Herstellung als auch im Gebrauch. Und ein weiterer Aspekt ist für die weite Verbreitung von Pelz an Anoraks und Mützen in der Öffentlichkeit zentral: Angesichts der günstigen Preise gehen viele Käufer davon aus, dass es sich gar nicht um einen Echtpelz handeln kann. Kostet die Mütze nur wenige Euro, muss der flauschige Bommel doch eigentlich synthetisch sein. Aber halten all diese Argumente einer genaueren Betrachtung stand? Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz hat uns geholfen, sie zu überprüfen – und sie als bittere Legenden enttarnt.

Die Legende vom Kunstpelz

Mit bloßem Auge sind die neuen Imitationen aus Synthetikfaser häufig kaum mehr von Echtpelz zu unterscheiden. Was für viele Konsumenten ein Anlass zur Freude ist, weil sie dann auch ohne Tierleid „Pelz“ tragen können, schafft leider auch Probleme. Denn die Käufer verlassen sich darauf, dass die jeweilige Applikation nicht echt ist – vor allem dann, wenn sie für Echtpelz zu billig scheint. So ahnen viele nicht einmal, dass sie an Kapuze, Mütze oder Stiefeln dennoch echtes Tier tragen. Die günstige Massenproduktion von Fellen in China und Osteuropa hat den Markt mit Billigpelzen geschwemmt. „Ein ganzer Marderhund kostet in China nur 20 Euro und lässt sich zu 50 bis 100 Bommeln an Mützen verarbeiten. Echtpelz ist häufig also sogar billiger als Synthetik“, weiß Friedrich Mülln.

Noch schwerer wird für den Käufer die Unterscheidung durch mangelnde oder gar falsche Kennzeichnung der Pelzbestandteile. Nach EU-Verordnung müssen Textilien, die tierische Produkte wie Leder, Horn oder Fell enthalten, mit einem Hinweis ausgestattet sein: „Enthält nichttextile Teile tierischen Ursprungs.“ Aber Stichproben durch das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus1 haben jüngst Dutzende Verstöße gegen die EU-Verordnung festgestellt. Sowohl in günstigen Geschäften als auch in exklusiven Kaufhäusern waren Pelzkrägen und Mützen nicht gekennzeichnet oder trugen gar ein Schild mit der Angabe „fake fur“ – Kunstpelz. Doch Laboruntersuchungen offenbarten: Es handelte sich um Echtpelz, zumeist Kaninchen und Marderhund. Im Falle des „Kunstpelzes“ ist dies eine bewusste Täuschung des Konsumenten. Aber gerade hinter solcher Irreführung verbirgt sich ein Millionengeschäft. Denn während die meisten Käufer nach wie vor auf Echtpelz verzichten würden, speist die Industrie durch solche Täuschungsstrategien enorme Mengen an tierischen Bestandteilen in unseren Textilkonsum ein. Wir kaufen Pelz – ohne es zu wollen und zu wissen. Wenn Sie vermeiden wollen, Fuchs & Co. am Kragen zu tragen, aber bei der Unterscheidung nicht sicher sind, werfen Sie einen Blick auf die Infobox mit unseren Tipps, wie Sie Echt- und Kunstpelz auseinanderhalten können.

Die Legende von artgerechter Haltung

Was uns die Pelzindustrie glauben lassen möchte, ist, dass es eine artgerechte Haltungsbedingung von Fuchs, Nerz & Co. gebe, entsprechend gültiger Tierschutzverordnungen. Siegel wie „Origin Assured“ wenden sich an die Ethik der Verbraucher, die gerne Pelz kaufen, aber eigentlich Tierleid vermeiden wollen. Die Versprechungen starker Kontrollen verführen zum Kauf, indem sie den Glauben an eine Art Bio-Pelzproduktion schüren. Aber auch hier legen immer wieder Recherchen offen, dass derartige Siegel den Kunden in falscher Sicherheit wiegen. „Ein Siegel wie ‚Origin Assured‘ soll für eine gesicherte Herkunft stehen, aber es besagt letztlich nur, dass es in dem Land, in dem dieser Pelz produziert wurde, eine irgendwie geartete Gesetzgebung gibt, z.B. irgendeine Pelztierhaltungsverordnung“, erklärt Friedrich Mülln. „Aber so etwas trifft so ziemlich in jedem Land zu – und jene Regelungen sind es, die Nerzkäfige mit den winzigen Maßen von 90x60x40 cm erlauben. Mit Tierschutz haben sie nichts zu tun.“
In Deutschland sind überhaupt nur noch acht Pelztierfarmen übrig. Sie züchten ausschließlich Nerz. Die letzte Fuchsfarm hat hierzulande 2005 geschlossen. Die verbleibenden Nerzfarmen sind eigentlich durch eine geänderte Nutztierverordnung seit Dezember 2011 zu höheren Standards und einer artgerechteren Haltung verpflichtet. Dies hieße: Jedes ausgewachsene Tier muss eine Grundfläche von mindestens einem Quadratmeter zur Verfügung haben, darüber hinaus Spielmöglichkeiten, eine Art Schwimmbecken, einen Nestbaukasten. Doch statt die Anlagen an diese Standards anzupassen, klagen die Nerzfarmen dagegen. Das Bildmaterial von Tierschützern zeigt, wie die sensiblen Tiere also weiterhin auf bloßen Gitterböden in winzigen Käfigen vegetieren. Allerdings stammen, so Mülln, 90 Prozent der Pelz-Verbrämungen an Kapuzen, Mützen und Jacken ohnehin vom Marderhund, der Rest von Fuchs und Kaninchen. Deren Billigproduktion findet überwiegend in China, teilweise in Polen und Finnland statt. Und gerade China hat dadurch traurige Berühmtheit erlangt, dass hier effektive Tierschutzgesetze nicht existieren.

„Die Produktionsbedingungen von Pelz sind, entgegen mancher Annahme, weltweit identisch, auch in Deutschland oder Skandinavien. Einen Unterschied machen nur die Möglichkeiten, diese Barbarei zu dokumentieren. Viele chinesische Pelzfarmer sind sich z.B. dessen nicht bewusst, dass ihre Methoden dokumentiert werden, und so stammen jene Aufnahmen häufig aus China“, fasst Friedrich Mülln zusammen. Und so wiederholen sich die Recherchen von Tierschützern in ihrer traurigen Brutalität: Tiere werden nur notdürftig betäubt und sind noch lebendig, wenn ihnen das Fell abgezogen wird. Tiere werden getötet, indem ihnen bei vollem Bewusstsein das Genick gebrochen wird, sie durch Analstromschlag innerlich gegrillt oder qualvoll vergast werden. Ihr kurzes Leben ist gezeichnet von unbehandelten Verletzungen, Angst und Kannibalismus, weil die Käfige schlichtweg zu klein sind.
Die Legende vom
Abfallprodukt

Abseits der verbleibenden Nerzfarmen entstammt die restliche Produktion in Deutschland der Kaninchenzucht. Häufig wird Kaninchenfell von seinen Trägern damit verteidigt, es handle sich um ein Neben- oder gar Abfallprodukt aus der Fleischproduktion. Dies, so Mülln, verzerre aber die Fakten. Das Fell macht ca. 10 Prozent des gesamten Kaninchenpreises aus. Mit einem „Abfall- oder Nebenprodukt“ hat es angesichts dieses Ertragsanteils nichts zu tun.