Rituale – Brückengeländer des Lebens


Macht und Missbrauch

Gesichert scheint heute: Eine Gesellschaft ohne Rituale ist kaum vorstellbar. Und doch gab es Zeiten, in denen ihr Wert infrage gestellt wurde – und das durchaus aus guten Gründen. Denn die Kraft, die in rituellen Handlungen steckt, lässt sich auch missbrauchen – siehe z.B. im Nazi-Deutschland, wo mit pompösen, quasi-religiös anmutenden und symbolisch aufgeladenen Spektakeln die Massen mobilisiert wurden. Das Ritual hatte somit den Ruch des Gefährlichen aufgenommen, der manchen bis heute einen Schauer versetzt, wenn sie etwa an Sportfans mit Nationalflaggen denken oder militärische Feierlichkeiten. In der 68er-Bewegung wurden derartige Handlungen daher zunächst verteufelt – bis man durch Reisen in andere Länder mit exotischen Bräuchen in Berührung kam und so Rituale in ihrer reinen Schönheit wiederentdecken und wandeln konnte.

Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten: Bei all ihrer Bedeutsamkeit für uns Menschen sind Rituale nicht per se gut. Sie haben Macht, haben Kraft. Beides kann auf unterschiedlichste Weisen eingesetzt werden. Eine Sektenführerin etwa kann es dazu nutzen, um den Willen ihrer Anhängerschaft zu brechen, ein Vater, um sein Kind zu trösten – und ein Pfau, um ein Weibchen zu betören. Denn ja, symbolträchtige Handlungen sind auch im Tierreich zu erkennen, nicht umsonst spricht man schließlich beispielsweise von Balzritualen. Auch die Hierarchie innerhalb eines Rudels wird mitunter durch rituelles Tun verändert oder zementiert. Und selbst über solche elementaren Prozesse hinaus will man beobachtet haben, wie Tiere Rituale vollziehen.

So berichtete etwa die bedeutende Primatenforscherin Jane Goodall von einem sogenannten Regentanz, mit dem kenianische Schimpansenmännchen Zweige schwingend und kreischend offenbar die einsetzenden Wolkenbrüche im Frühling begrüßen. Auch scheinen manche Tiere Trauerrituale zu haben – der Biologe Ian Edmond etwa erzählt von Elefanten, die nach der Futterbeschaffung täglich kilometerweit zu einer verstorbenen Kameradin zurückkehrten, um dort eine Art Totenwache abzuhalten. Zudem soll es vorkommen, dass Elefanten oder Gorillas ihre Toten mit Laub oder Zweigen bedecken.

Tiere sind eben auch nur Menschen. Irgendwie. Oder umgekehrt: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und so habe ich im Laufe der letzten knapp drei Jahre neue Alltagsrituale entwickelt – und Halt gefunden. Zum Beispiel im Anblick der hoppelnden Kaninchen, die meinen Weg begleiten, wenn ich, wie ich es jetzt gleich nach Beenden dieses Artikels tun werde, auf meinem Rad durch den Olympiapark nach Hause fahre …