Schön und schlank dank Detox: Klappt das eigentlich?

Schön und schlank dank Detox: Wohltat oder Hokuspokus?

Raus mit überflüssigen Staubfängern und billigem Nippes, der die klare Sicht versperrt! Entrümpeln tut der Seele gut. Und Fasten dem Körper – heißt es. Doch ist, was für die eigenen vier Wände gilt, wirklich übertragbar auf unseren Organismus, hilft eine Tee- und Säfte-Kur wirklich beim „Entschlacken“? Was ist dran an der Detox-Kur?

Schluss mit der Völlerei! Schluss mit all den fiesen Fetten und Giften, die wir über die Feiertage zum Jahreswechsel in uns hineingestopft haben, bis uns Magen und schlechtes Gewissen drückten. Einmal noch langen wir vielleicht zu – beim Faschingskrapfen oder Karnevals-Kölsch – doch dann heißt es bei vielen wieder: Fastenzeit!

Einer DAK-Umfrage aus 2015 zufolge gaben 55% der Befragten an, schon einmal über mehrere Wochen hinweg auf bestimmte Nahrungs- bzw. Genussmittel und/oder Konsumgüter verzichtet zu haben. Favorit unter den Dingen, denen die Deutschen vorübergehend abschwören: Alkohol (71%). Doch während die meisten bis Ostern „nur“ darauf – oder z.B. auf Süßigkeiten, Zigaretten oder Weißmehl verzichten, geht es manch einer strenger an. Heilfasten heißt ein Trend, der in den letzten Jahren hierzulande immer mehr um sich gegriffen hat und den viele während der christlichen Fastenzeit in Angriff nehmen, auch wenn die Motivation oft keine religiöse ist.
Wobei der Begriff manchmal irreführend verwendet wird, wie Dr. oec. troph. Edmund Semler, Wissenschaftlicher Leiter an der dfa (Deutsche Fastenakademie e.V., www.fastenakademie.org) betont: „,Heilfasten‘ bezieht sich ausschließlich auf den kranken Menschen, dessen Fasten von einem erfahrenen Fastenarzt in einer Fastenklinik überwacht wird. Davon streng abzugrenzen ist das ,Fasten für Gesunde‘. Gesund ist jemand, der keine Medikamente einnehmen muss, der keine diagnostizierte Krankheit hat und der im Großen und Ganzen leistungsfähig ist, d.h. er kann seinen täglichen Aufgaben nachgehen. Jeder Gesunde kann problemlos fasten.“ Immer wieder mal einen wöchentlichen Fastentag einzulegen, hält er für sinnvoll. Dazu zweimal im Jahr eine einwöchige Fastenkur – das bringe Körper und Seele ins Gleichgewicht.

Der Methoden gibt es einige, zu den bekanntesten und beliebtesten gehört das nach dem Arzt Otto Buchinger (1878-1966) benannte Buchinger-Heilfasten, bei dem über einen bestimmten Zeitraum hin neben Mineralwasser und ungesüßtem Kräutertee Gemüsebrühe sowie verdünnte Obst- und Gemüsesäfte erlaubt sind. Regelmäßig durchgeführt soll das Fasten Krankheiten vorbeugen, sich positiv auf den Lebensstil auswirken und darüber hinaus den achtsamen Umgang mit dem eigenen Körper und der Umwelt fördern. Der Kopf werde frei, man fühle sich leichter, gelassener und gereinigter. Tatsächlich hat wohl jeder in seinem Bekanntenkreis mindestens einen Menschen, den er schon mal vom Fasten hat Schwärmen hören. Die ersten ein, zwei Tage seien hart, aber dann … Dann fühle man sich so gut und stark wie selten zuvor.

Esoterischer Quatsch?

„Kein Wunder“, findet Sven-David Müller. Das sei das berühmte „Fasten-High“, die Betreffenden würden unter Ketoaszidose, Hunger-Übersäuerung, leiden. Dem Körper werde signalisiert, dass eine Hungersnot eingesetzt habe, dass also sein Leben bedroht sei – und darauf reagiere er mit einem letzten Aufbäumen, das dem Menschen ermöglichen soll, noch etwas zu essen zu besorgen. Müller, staatlich anerkannter Diätassistent, Master der „Applied Nutrition Medicine“ („Angewandte Ernährungsmedizin) und Autor des Buchs „Gesundheitsrisiko: Heilfasten“ (Schlütersche Verlagsgesellschaft, 12,90 €) wird am Telefon regelrecht wütend angesichts all jener Fasten-Experten, die seiner Ansicht nach in erster Linie eine Absicht umtreibt: Geld zu verdienen. Das Ganze sei ein ähnlich lukrativer Trend wie die pflanzliche Ernähnrung, den Müller jedoch nicht damit gleichsetzen möchte: „Die pflanzliche Ernährung stellt im Gegensatz zum Fasten keine Gefahr dar, im Gegen­teil. Mehr pflanzliche Nahrung und weniger tierische zu sich zu nehmen, ist gesund, dafür gibt es genügend Belege.“ Im Gegensatz zu etwa Yoga oder autogenem Training, denen solche Vorwürfe häufig zu Unrecht gemacht würden, sei aber das sogenannte Heilfasten wirklich „esoterischer Quatsch“. Dessen angeblicher Nutzen entbehre jeglicher wissenschaftlichen Grundlage und könne zu Gicht, Muskelabbau und im schlimmsten Fall sogar zum Tod durch Herzversagen führen. Auch das Wort „entschlacken“ sei Unfug, da der Körper schädliche Abbauprodukte ohnehin über Niere, Leber und Haut ausscheide, es also gar keine „Schlacken“ im Körper gebe. Und für geradezu unethisch hält Müller es angesichts vieler unfreiwillig hungernder Menschen auf der Welt, den Nahrungsverzicht als heilsames Ritual zu zelebrieren.

Ein Vergleich, den Fasten-Befürworter nicht gelten lassen: Hungern sei nicht dasselbe wie Fasten, obwohl dabei ähnliche Stoffwechselprozesse ablaufen. Während aber Hungern mit Stress verbunden sei, führe die bewusste Entscheidung, vorübergehend auf feste Nahrung zu verzichten, zu einem gesteigerten Wohlbefinden, das die körperliche Leistungsfähigkeit nicht beeinträchtige. Korrekt durchgeführt, mit einer gründlichen Darmentleerung zu Beginn der Kur (in der Regel durch Einnahme von Glaubersalz), reichlich Flüssigkeitszufuhr und einem ausgewogenen Mix an körperlicher Aktivität und Entspannung, erlebe der Fastende ein Gefühl der „inneren Sättigung“, da der Körper auf die eigenen Reserven zurückgreife.

Dass man diesem so etwas freiwillig antun solle, können Gegner dennoch nicht nachvollziehen. Nicht umsonst reagiere er gerade in den ersten Tagen oft mit Kreislaufschwäche, Hautproble­men, erhöhter Reizbarkeit oder Kopfschmerzen – Fasten bedeute eben, genau wie Hungern, sehr wohl physischen und psychischen Stress. Zu sich kommen könne man anders sehr viel gesünder, so Müller: „Lesen Sie mal wieder ein gutes Buch, machen Sie einen Waldspaziergang, lassen sie den Fernseher aus oder betreiben Sie autogenes Training – das tut alles der Seele gut, ohne dass sie unter schädlichen Nebenwirkungen zu leiden hat.“ Dass viele Menschen zudem Fasten als Möglichkeit der Gewichtsreduktion sähen, sei überdies fatal, fördere es doch nicht den Fett-, sondern lediglich den Muskelabbau und führe letztlich zum berühmten Jo-Jo-Effekt. Tatsächlich wird allerorten relativ einhellig betont, dass Heilfasten nicht zur dauerhaften Gewichtsreduktion tauge.

Festgefahrene Gewohn-heiten durchbrechen

Dem stimmt Dr. Semler nur bedingt zu. Denn eine von Fachleuten begleitete Fastenkur sei bei Übergewichtigen durchaus ein Weg, festgefahrene Essgewohnheiten zu durchbrechen und die Bereitschaft zur grundsätzlichen Lebensstiländerung zu stärken. Sich gesund und ausgewogen zu ernähren, falle nach dem Heilfasten leichter, da etwa der zuvor oftmals gestörte Hunger-Sättigungsmechanismus eine Art Neu-Regulierung erfahre und zudem das persönliche Erleben des Fastens mehr Wirkung zeige als lediglich vernunftgeprägte Appelle von Medizinern und Freunden. Bei seinen Aussagen beruft sich Semler u.a. auf Beobachtungen von Fastenpionieren wie dem eingangs erwähnten Dr. Otto Buchinger sowie Dr. med. Hellmut Lützner, dessen Buch „Wie neugeboren durch Fasten“ Semler empfiehlt.

Schlüssig klingende Argumente gibt es sowohl auf der Pro- als auch der Contra-Seite, und hier wie da wird mit Büchern, Vorträgen usw. Geld verdient – was nicht schlecht sein muss, aber auch nicht außer Acht zu lassen ist. Sicher ist nur eins: Einfach so „drauf los“ fasten, ohne sich vorher gründlich nach allgemeinen und den persönliche Risiken zu erkundigen, sollte niemand. Wer nach Abwägen allen Fürs und Widers eine Fastenkur starten möchte, dem raten sowohl Befürworter als auch Gegner, sich gerade als Anfänger auf eine Dauer von maximal einer Woche zu beschränken und vorher einen Arzt zu konsultieren. Denn unter bestimmten Umständen – etwa bei Herzproblemen, Essstörungen oder schweren seelischen Erkrankungen – ist Fasten definitiv gefährlich.

Frei von unerwünschten Nebenwirkungen und zweifelsohne sinnvoll dagegen ist es, sich regelmäßig auf den eigenen Körper und die eigene Seele zu besinnen, sein eigenes Ernährungs-, Freizeit- und Konsumverhalten zu hinterfragen – und gegebenenfalls wegzulassen bzw. zu reduzieren, was nur kurzfristige Befriedigung schafft, auf Dauer jedoch belastet. Sei es nun das dritte Stück Kuchen, die unsäglich platte Fernsehsendung oder die Verabredung mit der ehemals guten, aber anstrengenden Bekannten, mit der man sich im Grunde schon lange nichts mehr zu sagen hat.