Udo Wachtveitl: „Der ‚Tatort‘ ist ein Stück Heimat“

Von ganzem Herzen Münchner ist er – mit einer Ausnahme: Schweinshaxe oder Weißwurst kommt dem Schauspieler nicht mehr auf den Teller. Warum das so ist, was stattdessen dort landet und welche Witze er sich immer wieder anhören muss – das alles verrät er im Interview.

Ein Grantler mit Herz und scharfem Verstand, der gerne auf dem Boden der Tatsachen bleibt – als eines der bekanntesten Gesichter der deutschen Fernsehlandschaft ermittelt Kommissar Franz Leitmayr, gespielt von Udo Wachtveitl, neben seinem Kollegen Batic (Miroslav Nemec) im Münchner „Tatort“. Jenseits seiner Rolle engagiert sich Wachtveitl auch privat für Gerechtigkeit: gegenüber Tieren.

Von: Caroline Redka

Herr Wachtveitl, passiert es manchmal, dass sich die Realitätsebenen verschieben und Sie auch privat als Kommissar wahrgenommen und angesprochen werden?

Also, die „Tatort“ Zuschauer wissen schon, dass ich kein echter Kommissar bin. Ich werde jedenfalls nicht privat angerufen, wenn irgendwo eine Leiche auftaucht. (lacht) Aber es gibt solche Fälle durchaus … Klausjürgen Wussow z.B., der in der „Schwarzwaldklinik“ den Professor Brinkmann gespielt hat, wurde tatsächlich des Öfteren von Zuschauer*innen um medizinischen Rat gefragt. So etwas ist mir aber Gott sei Dank noch nie passiert. Oft kennen die Leute allerdings nicht meinen richtigen Namen und sprechen mich dann mit Herr Leitmayr an. So eine Art von Kontaktaufnahme geht scheinbar so gut wie gar nicht, ohne dabei ein kleines Witzchen zu machen.

Welches dieser Witzchen begegnet Ihnen denn am häufigsten?

Sehr beliebt ist es, „Ich habe nichts gemacht“ zu sagen und dabei mit verschränkten Armen vor mich zu treten, bereit, Handschellen angelegt zu bekommen. Ein andermal geriet ich in eine leicht angetrunkene Männertruppe, die lautstark „Tatort Ahoi“ rief und anschließend vor Lachen brüllte.

Und Sie haben mitgelacht?

Ich habe den Witz nicht verstanden.

Kein Wunder, dass Sie in der Öffentlichkeit oft erkannt werden, denn mittlerweile hat sich der „Tatort“ ja auch in der jüngeren Generation als eine Instanz manifestiert und gewinnt immer mehr an Beliebtheit …

Ja, das habe ich auch mitbekommen, dass das Publikum immer jünger wird, und dieser Trend schlägt sich auch deutlich in den Quoten nieder. Ich bemerke das außerdem daran, dass das Alter derer, die mich in der Öffentlichkeit erkennen und ansprechen, im Schnitt immer niedriger wird.

Denken Sie, dass es sich da um eine Generation auf der Suche nach einer Konstante handelt oder einem Ritual wie eben dem gemeinsamen Schauen des „Tatorts“ am Sonntagabend? Auf der Suche nach etwas Beständigem?

Ich glaube, dass es vor allem um Verlässlichkeit geht. Und um Heimat. Und zwar in dreierlei Hinsicht. Einmal ist es so, dass viele mit dem „Tatort“ aufgewachsen sind. Der Sonntagabend vor dem Fernseher, gemeinsam mit den Eltern, vermittelt ein Gefühl von Heimeligkeit. Das gemeinsame Erleben eines Rituals im häuslichen Rahmen. Neu übersetzt könnte man das auch Public Viewing nennen – es ist ja ein richtiger Trend geworden, gemeinsam den „Tatort“ anzuschauen. Es gibt aber noch eine andere Heimat, die im „Tatort“ bedient wird, und zwar die der Weltanschauung. Unsere Kultur ist eine westliche, liberale und aufklärerische. Der Tatort ist im doppelten Sinne ein Instrument der Aufklärung. Es gibt nichts Übersinnliches oder Spirituelles und wenn, dann wird es aufgelöst und aufgeklärt. Rätselhaftes Verstörendes wird kritisch-rational auf den Boden der Tatsachen geholt – ganz unabhängig von den verschiedenen Kommissartypen, die ermitteln. Zu guter Letzt geht es natürlich auch insofern um Heimat, als dass der „Tatort“ seinem generischen Auftrag nachkommt. Je nach Stadt sollen anhand des „Tatortes“ die Eigenheiten der Regionen sichtbar gemacht werden. Früher trug der Hamburger Kommissar deshalb auch eine Kapitänsmütze und hier in München hatte er einen Dackel und sprach in bayrischem Dialekt. Heute versucht man, auch das Flair der verschiedenen Stadtviertel mehr einzufangen und dadurch den Bezug zu der jeweiligen Stadt herzustellen und eine Art von Heimatgefühl hervorzurufen.

Das Phänomen Lokalkolorit also …

Genau. Ich finde aber, dass diesbezüglich noch viel mehr getan werden könnte. Mein Anliegen ist beispielsweise die Dialektstimmigkeit, die lange Zeit vernachlässigt wurde. Gerade die kleineren Rollen könnten viel mehr Dialekt sprechen. So kann auch viel besser ein Lebensgefühl transportiert werden, das die verschiedenen Städte der „Tatorte“ voneinander unterscheidet. Und dieses Lebensgefühl ist nun mal von Stadt zu Stadt anders – das sollte auch durchschimmern. Leitmayr und Batic sind beispielsweise keine Typen, die für Großstadttristesse stehen. Sie sind nicht die Art von Kommissaren, die Lederjacken tragen, Kaffeebecher zerknüllen und „Manchmal hasse ich meinen Job“ sagen.


Das komplette Interview gibt es ab Seite 14 in der Oktover/November-Ausgabe 2016, die ihr hier bestellen könnt. Alle Hefte schicken wir euch portofrei zu.

Info: Und wie ist Udo Wachtveitl nun als Kommissar? Von seinen detektivischen Fähigkeiten könnt ihr euch schon bald selbst ein Bild machen: Am 23. Oktober 2016 um 20:15 Uhr ermittelt er wieder im Tatort „Die Wahrheit“ – zu sehen in der ARD.