Unter aller Sau: AnimalEquality deckt Gutfleisch-Schweineskandal auf

 

 

Schweinefleisch in Spitzenqualität – damit wirbt das Edeka-Markenfleischprogramm „Gutfleisch“. AnimalEquality blickte hinter die Mauern der Schweinefabriken und dokumentierte grausamstes Tierleid und zahlreiche Rechtsverstöße. Was Gutfleisch vorgaukelt zu sein und wie das als regional sowie qualitativ hochwertig gelabelte Fleisch tatsächlich produziert wird, erzählt Aktivistin Ria Rehberg im Interview.

 

 

 

 

Ria Rehberg Aktivistin AnimalEqualityRia Rehberg, Aktivistin bei AnimalEquality

 

 

Ria, du selbst warst vor Ort in den Ställen und hast bitteres Elend vorgefunden. Doch zunächst einmal: Wofür steht Gutfleisch?
Gutfleisch ist die mehrfach ausgezeichnete Qualitätsfleischmarke von Edeka-Nord. Nach eigenen Angaben geht das Unternehmen sogar über die von der Industrie vorgeschriebenen Standards hinaus. Auf www.edeka-gutfleisch.de können Verbraucher nachsehen, aus welchem Stall die Tiere stammen, dessen Fleisch man in den Edeka-Regalen findet. Das Label wirbt mit Tiergesundheit, Transparenz, Regionalität – und damit, dass es sich hauptsächlich um kleine und mittelgroße Betriebe handelt. Der Verbraucher erhält den Namen, die Anschrift und sogar noch ein Bild des Betreibers.

 

 

Und das klang zu schön, um wahr zu sein?
Ja, denn seit Jahren dokumentieren Tierrechtler das Leid in der Tierindustrie. Um den schlimmen Bildern zu entgehen, scheint es eine neue Methode zu sein, Transparenz nach außen transportieren zu wollen. Jeder soll glauben, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Wir haben uns gedacht: Das überprüfen wir …

 

 

Wie viele Gutfleisch-Ställe habt ihr euch angeschaut?
Wir haben die Zustände in sechs Betrieben dokumentiert, fünf im Norden, einen im Süden. In allen Betrieben bot sich uns ein schockierender Anblick.Wir fanden schlimmstes Tierleid und erschreckende Zustände. Ich würde von keinem Tier sagen, dass es annähernd ein artgerechtes Leben führt.

 

 

Was habt ihr gesehen?
Unsere Dokumentation bezieht sich auf die Zustände in der Schweinmast. Wir haben aber auch die werdenden Schweinemütter im Kastenstand in Ferkelzuchtbetrieben dokumentiert. Das sind extrem enge Käfige, in denen die Schweine wochenlang am Stück fixiert werden ohne sich auch nur umdrehen zu können. Die Tiere können zwar aufstehen, aber wenn sie sich hinlegen, wird es eng. Dann ragen die Beine schon in den Kastenstand der nächsten Sau hinein. Laut Gesetz sollten die Boxen mindestens 70 cm breit sein, oftmals waren sie mit 54 cm und 50 cm aber deutlich zu schmal.

 

 

Das ist unfassbar eng, wenn man sich vorstellt, dass ein ausgewachsenes Schwein 130 kg wiegt. Wird das Verkleinern von Kastenständen vorsätzlich praktiziert?
Ja, weil es dazu führt, dass der Betreiber mehr Schweine in seinem Stall unterbringen kann. Das ist illegal und verstößt gegen die Tierschutznutztierverordnung. Dass die werdenden Mütter überhaupt in den Kastenständen fixiert werden, ist jedoch erlaubt. Wir haben ebenfalls dokumentiert, dass die Sauen dort viel zu lange gehalten werden. Über den Kastenständen hängen Zettel, die das Datum anzeigen, an dem die Tiere geschwängert wurden. Anhand der Daten können wir ausrechnen, ob die Tiere sogar über die gesetzlich erlaubte Zeit hinaus dort eingesperrt werden. In jedem Fall, egal ob legal oder illegal – für Tiere wie Schweine, die so intelligent sind wie 3-jährige Kleinkinder und ein großes Verlangen nach Stimulation und Beschäftigung haben, kann so eine Fixierung nur die absolute Folter bedeuten.

 

 

Habt ihr noch weitere Gesetzesverstöße dokumentiert?
Wir haben immer wieder Verletzungen gesehen, wie z.B. Nabelbrüche, blutige Schultern und Gliedmaßen. Die Tiere, die vor Schwäche oder Krankheit nicht mal mehr aufstehen können, wurden nicht von den anderen separiert und medizinisch versorgt. Oft hatten die Schweine keinen Zugang zu sauberem Wasser. Aber selbst wenn es diese Verstöße nicht gegeben hätte, wäre das Leben dort für die Tiere die Hölle.

 

 

Dass in den Schweinefabriken qualvolle Haltungsbedingungen an der Tagesordnung stehen, zeigte auch die am 14. Juli 2014 ausgestrahlte ARD-Dokumentation „Deutschlands Ferkelfabriken“. Sie hat viele Verbraucher wachgerüttelt.
Ja, man muss es sich nur selbst vorstellen: Es geht einem schlecht, man kann nicht mal mehr aufstehen und dann ist da eine Bande wilder, gestresst Tiere, die einfach nur aus den Ställen ausbrechen möchte. Gesunde Geschöpfe trampeln über die Schwachen, die Schwänze bluten, sie beißen den Kraftlosen die Ohren an. In einem Betrieb lag sogar ein riesiges, totes Schwein im Gang. Es war am Bauch völlig blau, schwarzes Blut lief aus dem Mund und eine Blutlache befand sich auf dem Boden. Es sah aus, als würde das Schwein schon mehrere Tage dort liegen. Es stank bestialisch nach Verwesung.

 

 

Verwendet ihr Atemmasken?
Wir haben welche, aber den Gestank nimmt man trotzdem wahr. Man muss sich mal vorstellen, dass Schweine einen sehr guten Geruchssinn haben und die schlechte Luft ihr ganzes Leben ertragen müssen. Ich bin jedes Mal froh, wenn ich schnell wieder aus dem Stall raus bin. Viele Tiere haben durch die schlechte Luft Atemprobleme, Husten und entzündete Augen.

 

 

Steht den Schweinen Beschäftigungsmaterial zur Verfügung?
Das ist gesetzlich vorgeschrieben, wird aber nicht immer umgesetzt. Oft besteht es auch nur aus einem Gumminoppen oder einer Eisenkette. Jeder kann sich vorstellen, dass man da wahnsinnig wird. Das bedeutet natürlich, dass die Schweine versuchen, aus ihrem Kasten herauszukommen: Sie drücken nach links, sie drücken nach rechts – und haben blutige Schrammen und Geschwüre, insbesondere an den Schultern, weil sie damit immer wieder an die Gitterstäbe schlagen. All das haben wir dokumentiert und auch, wie sie den Kopf hin und her bewegen und in die Gitterstäbe beißen – zwei stereotype Verhaltensmuster durch die zu starken Bewegungseinschränkungen in den Kastenständen.

 

 

Gibt es Schweine, die kapituliert haben?
Ja, das sind die traurigsten Fälle. Sie haben aufgegeben und liegen einfach nur noch da und gucken ins Leere.

 

 

Ungeheure Grausamkeiten, Rechtsbruch, Verbrauchertäuschung – man könnte meinen, dass die zertifizierten Höfe nicht kontrolliert werden …
Doch, es gibt Kontrollen bei Gutfleisch. Es wird sogar auf der Webseite transparent dazugeschrieben, wann die letzten Inspektionen stattgefunden haben und wann sie wieder stattfinden müssten. Ich denke, dass die Veterinäre bzw. die Kontrollämter ein Auge zudrücken oder Kontrollen vorher angekündigt werden, sodass vorab ein wenig sauber gemacht werden kann. Stark verweste Schweine, wie wir sie gesehen haben, werden wohl dann nicht mehr im Gang liegen.

 

 

Um die Lügen der Fleischindustrie aufzudecken, macht ihr euch nach aktueller Rechtsprechung strafbar. Hast du Angst vor der Polizei?
Nein, nicht direkt. Aber man ist sich immer bewusst, dass man angezeigt und verurteilt werden kann. Wir versuchen uns so weit wie es geht abzusichern, aber nicht an den worst case zu denken, wäre ziemlich blauäugig. Deutschland ist noch das Land, in dem Recherchen dieser Art am wenigsten verfolgt werden. In Spanien drohen Tierrechtlern Haftstrafen von mehreren Jahren.

 

 

Kann es zu Strafmilderungen kommen, weil es ein öffentliches Interesse an der Wahrheit gibt?
Ja, in Deutschland besteht der Fall. Das hatte ARIWA (Anm. der Red.: AnimalRights Watch e.V.) erreicht. Beim Landgericht Hamburg gab es eine Entscheidung, dass das öffentliche Interesse über dem des Betreibers steht – vorausgesetzt man stellt Gesetzesverstöße fest. Rein rechtlich wird das Eindringen und Dokumentieren als sehr abgeschwächter Hausfriedensbruch geahndet. Man marschiert eben nicht ins Wohnzimmer, sondern in den Schweinestall

 

 

Wo findet deiner Meinung nach der Skandal statt: im Stall, beim Verbraucher, im System?
Sicher, die Schuld liegt nicht nur bei den Landwirten. Wir müssen lernen, die Verbindung zwischen unserem Teller und dem früheren Lebewesen, das es einmal war, herzustellen. Natürlich werden wir von der Industrie an der Nase herumgeführt und es werden Dinge gesagt, die nicht stimmen oder es werden Zustände verheimlicht …

 

 

Was fordert ihr von der Industrie?
Unsere Forderungen gehen an Edeka und das Gutfleisch-Label. Wir sagen, dass das Gutfleisch-Label abgeschafft werden muss. Die Idee eines Transparenz-Labels soll suggerieren, dass es den Tieren gut geht und das ist Verbrauchertäuschung. Darüber hinaus fordern wir Edeka auf, dass sie anstelle von Fleisch ein größeres Sortiment an pflanzlichen Produkten anbieten.

 

 

Das wäre sehr wünschenswert. Doch mal angenommen, die Industrie reagiert nicht auf eure Forderungen – was kann der Verbraucher selbst unternehmen?
Wenn Menschen das Gesehene als schockierend empfinden und wenn sie glauben, dass es falsch ist, wie wir mit den Tieren umgehen, sollen sie aufhören, Fleisch zu essen. Wir haben eine Internetseite eingerichtet, die www.v-versprechen.de heißt. Dort kann man sich öffentlich dazu verpflichten, Fleisch durch alternative Produkte zu ersetzen oder für einen Monat die vegane Ernährungsweise auszuprobieren.

 

 

Viele Menschen haben Angst vor einem Verzicht. Warum ist das V-Versprechen deiner Meinung nach ein Gewinn?
Wenn man Fleisch isst, muss man versuchen, die Augen zu verschließen, und die wahren Vorgänge in der Tierhaltung ausblenden. Wenn man vegan ist, dann muss man die Augen nicht mehr verschließen, weil man nicht mehr Teil des Systems ist …

 

 

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Zu Hunderten werden die Zuchtsauen                        Wegen mangelner Beschäftigung beißen sich                            nebeneinander in Kastenstände gepfercht.               die Tiere die Ohren an.

 

 

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Die werdenden Schweinemütter können sich in der Regel noch nicht mal ihre Beine ausstrecken,
während sie im Kastenstand fixiert werden.

 

 

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Dieses Ferkel hat mit Sicherheit ein sehr                    Das Schwein hat eine blutige und vereiterte Wunde – wie auch viele schmerzhaftes Othämatom, auch Blutohr          weitere Schweine in den Ställen.                                                                genannt, was durch das Schütteln des Kopfes
auf zu engstem Raum entstehen kann.

 

 

AElogo

Info: AnimalEquality Germany ist eine gemeinnützige Organisation, die auf das durch Menschen verursachte Tierleid aufmerksam macht und sich für Tierrechte in unserer Gesellschaft einsetzt. Sie ist über die deutsche Ländergrenze hinaus in Großbritannien, Italien, Spanien, Mexiko, Indien und Venezuela aktiv. Auf YouTube finden Sie Video-Recherchematerial zum Gutfleisch-Schweineskandal. ACHTUNG: Der Film enthält schockierende Aufnahmen!